Großes Interesse am Fachtag „Kinder- und Jugendarmut“ im Schloss Gifhorn
Mehr als 70 Fachkräfte diskutieren Wege zu mehr Teilhabe und Chancengerechtigkeit.
Mehr als 70 Fachkräfte aus Kitas, Schulen, Wohlfahrtsverbänden und Vereinen nahmen am 6. November 2025 am Fachtag „Kinder- und Jugendarmut“ im Rittersaal des Schlosses Gifhorn teil – ein deutliches Zeichen für die Brisanz und Aktualität des Themas. Eingeladen hatte der Landkreis Gifhorn, um gemeinsam über Strategien gegen Kinder- und Jugendarmut zu diskutieren und praktische Ansätze für mehr Teilhabe in den Workshops zu erleben.
Kreisrat Rolf Amelsberg begrüßte die Teilnehmenden und betonte die Bedeutung des Austauschs zwischen Fachpraxis, Wissenschaft und Politik. Folgend stellte die Sozialplanerin des Landkreises Gifhorns aktuelle Zahlen zur Armutslage vor: Im Jahr 2024 lebten 3.062 Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren im Landkreis in Familien, die Leistungen nach dem SGB II beziehen. Aufgrund einer nicht erfassten Dunkelziffer sei jedoch davon auszugehen, dass die tatsächliche Zahl armutsgefährdeter Kinder und Jugendlicher deutlich höher liegt.
Im anschließenden Fachvortrag machte Prof. Dr. Carmen Hack von der Fachhochschule Kiel deutlich, dass Deutschland kein Erkenntnisproblem, sondern ein Umsetzungsproblem in der Armutsbekämpfung habe. „Wir wissen seit Jahren, was Kinderarmut bedeutet und welche Folgen sie hat – aber es fehlt an der verbindlichen Umsetzung auf allen Ebenen“, so Hack. Sie forderte ein übergreifendes Handlungskonzept, ähnlich den kommunalen Präventionsketten, bei dem alle relevanten Akteure systematisch zusammenarbeiten. „Der Wille dazu muss von den höchsten Hierarchieebenen kommen“, betonte Hack. Zwar könne die Versäulung von Parallelstrukturen nicht vollständig aufgelöst werden, „aber wir müssen anfangen, Brücken zu bauen“.
Ergebnisse und Themen sollen im Arbeitskreis „Armutsprävention und Krisenbewältigung“ weiterbearbeitet werden
Am Nachmittag setzten die Teilnehmenden die Diskussion in mehreren praxisnahen Workshops fort. Im Workshop zur digitalen Teilhabe wurde darüber gesprochen, wie durch Repair Cafés, ehrenamtliche Unterstützung und Schulungen für Fachkräfte armutsgefährdeten Kindern und Jugendlichen der qualifizierte Zugang zu digitalen Medien erleichtert werden kann.
Ein besonders eindrucksvolles Beispiel bot der Workshop der Jugendwerkstatt Gifhorn: Hier wurde der erste Tag der 20-jährigen Maria nachgestellt, die nach Jahren von Mobbing und familiärer Vernachlässigung in der Jugendwerkstatt eine neue Perspektive gefunden hat. Unter kontinuierlicher Begleitung einer Sozialarbeiterin erlernt sie dort Tagesstruktur, Selbstwirksamkeit und erfährt Anerkennung für ihre Arbeit. Die Teilnehmenden durften selbst mit anpacken – hämmern, Brote vorbereiten und Gewürze pflanzen – und bekamen so einen lebendigen Einblick in die vielfältigen Tätigkeiten der Jugendwerkstatt Gifhorn.
Der Kinderschutzbund Gifhorn stellte seine umfassenden Angebote für Kinder und Familien vor und äußerte den Wunsch nach einer zentralen Anlaufstelle für alle Belange rund um Kinder. Im Workshop zu Bildungs- und Teilhabeleistungen (BuT) wurden die komplexen Strukturen verschiedener Rechtskreise diskutiert, die zu unterschiedlichen Ansprechpartnern führen und vielen Eltern die Antragsstellung durch Komplexität erschweren.
Am Ende des Fachtags fasste ein Graphic Recording die wichtigsten Erkenntnisse bildhaft zusammen. Sozialplanerin Sonja Müller bedankte sich bei allen Teilnehmenden für ihr Engagement und betonte, wie wichtig die Vernetzung und der Austausch für eine wirksame Armutsbekämpfung seien: „Der Fachtag hat gezeigt, dass es in unserem Landkreis viele engagierte Menschen gibt, die Kinder und Jugendliche unterstützen wollen – aber auch, dass wir dafür gemeinsame Strukturen und einen langen Atem brauchen.“
Die Ergebnisse und Themen des Fachtages sollen nun in dem interdisziplinär besetzen Arbeitskreis „Armutsprävention und Krisenbewältigung“ weiterbearbeitet werden, um die gewonnenen Impulse in konkrete Maßnahmen zu überführen.