Neurodivergente Kinder besser verstehen und begleiten
Fachtag „Neurodivergenz in Kita & Grundschule“ am 24. November 2026
Wenn Kinder anders wahrnehmen: Wie viel Unterschiedlichkeit halten Kita und Schule aus? Aktuelle Zahlen zeigen hohe Belastungen bei Kindern und pädagogischen Fachkräften. Ein Fachtag des Landkreises Gifhorn und der Kreisvolkshochschule (KVHS) Gifhorn widmet sich der Frage, wie neurodivergente Kinder besser verstanden und begleitet werden können. Der Fachtag „Neurodivergenz in Kita & Grundschule“ findet am Dienstag, 24. November 2026, von 14 bis 17 Uhr im Clara-Schumann-Saal der KVHS Gifhorn statt.
Veranstalter sind das Team Gesundheitsförderung des Landkreises Gifhorn und die Kreisvolkshochschule Gifhorn. Der Teilnahmebeitrag beträgt 10 Euro inklusive Verpflegung und Teilnahmebescheinigung. Anmeldeschluss ist der 17. November 2026. Die Anmeldung ist möglich auf www.landkreis-gifhorn.de/neurodivergenz.
Neurodivergenz ist mehr als ADHS
Ein Kind kann nicht stillsitzen. Ein anderes zieht sich zurück. Eines reagiert auf Geräusche, Berührungen oder Veränderungen besonders empfindlich, ein anderes scheint Anweisungen immer wieder zu vergessen. Was im pädagogischen Alltag schnell als störend, unmotiviert oder herausfordernd wahrgenommen wird, kann ganz unterschiedliche Ursachen haben.
Gleichzeitig zeigen aktuelle Daten, wie relevant ein differenzierter Blick auf kindliches Verhalten geworden ist. Der im August veröffentlichte DAK Kinder- und Jugendreport 2026 weist für 2024 bei 52,1 von 1.000 Kindern und Jugendlichen eine dokumentierte ADHS-Diagnose aus. Gegenüber dem Vorjahr entspricht dies einem Anstieg von neun Prozent. Bei Mädchen fiel die Zunahme mit 14 Prozent noch deutlicher aus.
Doch Neurodivergenz ist mehr als ADHS – und nicht jedes herausfordernde Verhalten ist Ausdruck einer Neurodivergenz. „Genau diese Differenzierung ist wichtig“, sagt Nadine Haufschild, Psychologin und Referentin des Fachtages. „Wenn ein Kind immer wieder an Anforderungen scheitert, hilft es wenig, nur das sichtbare Verhalten verändern zu wollen. Wir müssen verstehen, was dahinter passiert: Wie verarbeitet dieses Kind Reize? Wie gelingt ihm Regulation? Welche Anforderungen kann es in diesem Moment überhaupt bewältigen?“
Während des Fachtags sollen pädagogische Fachkräfte deshalb nicht lernen, Kinder anhand einzelner Verhaltensweisen zu diagnostizieren. Vielmehr geht es darum, Verhalten besser einordnen und Handlungsmöglichkeiten für den pädagogischen Alltag entwickeln zu können.
Wenn „auffällig“ auch eine Frage der Umgebung ist
„Wir sprechen sehr schnell darüber, dass ein Kind nicht in eine Gruppe, einen Ablauf oder ein System passt. Seltener fragen wir, ob die Bedingungen eigentlich zu diesem Kind passen“, sagt Brinja Hoffmann, Diplom-Ernährungswissenschaftlerin und systemischer Coach beim Landkreis Gifhorn. Für Hoffmann ist das auch eine Frage der Gesundheitsförderung und Prävention. „Ein Kind, das permanent versucht, Erwartungen zu erfüllen, die seine Regulationsmöglichkeiten übersteigen, erlebt immer wieder: Ich schaffe das nicht. Deshalb geht es nicht darum, Anforderungen einfach abzuschaffen. Es geht darum zu verstehen, welche Unterstützung ein Kind braucht, um teilhaben und Selbstwirksamkeit erleben zu können.“
Dass ein solcher Blick zunehmend wichtig ist, zeigen auch aktuelle Daten zur psychischen Gesundheit. Nach Ergebnissen der COPSY-Studie des Universitätsklinikums Hamburg- Eppendorf sind Kinder und Jugendliche in Deutschland weiterhin stärker psychisch belastet als vor der Pandemie. Dabei gilt: Psychische Belastungen und Neurodivergenz sind nicht dasselbe. Im pädagogischen Alltag können sich Rückzug, Überforderung, Impulsivität oder Schwierigkeiten mit der Regulation jedoch ähnlich zeigen. Umso wichtiger ist es, Verhalten nicht vorschnell zu bewerten.
Hohe Anforderungen treffen auf belastete Fachkräfte
Zugleich findet pädagogische Arbeit unter schwierigen Rahmenbedingungen statt. Aktuelle Ergebnisse einer internationalen OECD-Studie zeigen, dass fast 80 Prozent der befragten Kita- Leitungen in Deutschland angeben, dass Personalausfälle ihre Möglichkeiten beeinträchtigen, Kindern ein gutes Umfeld für Entwicklung, Wohlbefinden und Lernen zu bieten.
Für Sandra Schaffrin, Programmbereichsleiterin Pädagogik, Pflege, Bildungsberatung bei der KVHS Gifhorn, ist deshalb entscheidend, dass Fortbildung nicht zur nächsten Anforderung an ohnehin belastete Fachkräfte wird. „Wir wollen Fachkräften nicht vermitteln, was sie zusätzlich noch alles leisten müssen. Im Gegenteil: Wissen kann entlasten. Wenn ich besser verstehe, warum ein Kind auf eine bestimmte Weise reagiert, muss ich Verhalten nicht persönlich nehmen und kann gezielter handeln. Genau dafür möchten wir Raum schaffen – für fachlichen Input, aber ebenso für Austausch und die Realität des pädagogischen Alltags.“
Für Inga Neubauer, Leiterin der KVHS Gifhorn, sind qualifizierende und vernetzende Angebote ein wichtiger Baustein, um die Bildungsqualität im Landkreis nachhaltig zu stärken. „Eine inklusive Bildungslandschaft entsteht dort, wo Unterschiede nicht als Defizit, sondern als Teil menschlicher Vielfalt verstanden werden. Deshalb ist es wichtig, pädagogische Fachkräfte durch aktuelle Fortbildungsangebote zu unterstützen und ihnen Räume für Reflexion und Vernetzung zu eröffnen. Davon profitieren nicht nur die Einrichtungen, sondern die gesamte Bildungsregion.“
Neurodivergenz zeigt sich nicht nur beim Lernen
Der Fachtag betrachtet Neurodivergenz deshalb aus unterschiedlichen Perspektiven. Psychologin Nadine Haufschild führt zunächst in das Thema Neurodiversität ein und beschäftigt sich anschließend mit herausforderndem Verhalten.
Brinja Hoffmann richtet den Blick anschließend auf Ernährung und Bewegung – Bereiche, in denen sich Besonderheiten der Wahrnehmung und Regulation ebenfalls zeigen können. „Wenn ein Kind nur sehr wenige Lebensmittel akzeptiert, Hunger scheinbar nicht wahrnimmt, ständig Bewegung sucht oder bestimmte Körper- und Sinneserfahrungen vermeidet, wird daraus schnell ein Machtkampf“, erklärt Hoffmann. „Dabei kann es sehr hilfreich sein, zunächst zu verstehen, welche sensorischen oder regulatorischen Prozesse eine Rolle spielen könnten.“
Der Fachtag möchte deshalb keine neuen Schubladen schaffen. „Unser Ziel ist nicht, dass pädagogische Fachkräfte nach diesem Nachmittag Diagnosen stellen können“, sagt Haufschild. „Unser Ziel ist, dass sie genauer hinschauen, mehr Fragen stellen und mehr Möglichkeiten haben, auf unterschiedliche Kinder zu reagieren.“ Und vielleicht beginnt Inklusion genau dort: nicht erst bei einer Diagnose, sondern bei der Bereitschaft, Unterschiedlichkeit zu verstehen.